
Ludwig Bölkow
Testort Rechlin
1917 wird die in Berlin von der kaiserlichen Heeresleitung gegründete Lehr- und Prüfungsanstalt der Flugzeugmeisterei nach Rechlin verlegt. Der Ort liegt an der Müritz. Kurz nach Indienststellung wird u. a. der Doppeldecker Fokker D VII getestet. Testflüge finden statt, um das starke Vibrieren der Trag. Ächen zu unterbinden. 1920 wird die Versuchsanstalt wieder geschlossen. Erneut folgt ein Umzug, diesmal nach Lipezk in der Sowjetunion. 1933 kehrt das Personal nach Rechlin zurück. Ab 1935 nennt sich die ehemalige Prüfanstalt "Erprobungsstelle der Luftwaffe", von denen es weitere in Tarnewitz bei Wismar und Peenemünde auf Usedom gibt. In Rechlin werden während des Dritten Reiches fast alle Landflugzeuge mit Zubehör einschließlich Bodengerät erprobt (mehr als 200 Typen), u. a. auch Radar- und Ionospährenforschung betrieben. 1943 arbeiten in der Erprobungsstelle etwa 4.100 Menschen, darunter viele Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge. Die Erprobungsarbeit ist riskant. Zwischen 1927 und 1945 verunglücken mehr als 300 Angehörige der E-Stelle tödlich.
Entwicklung des Schleudersitzes
Im Januar 1943 startet in Lärz bei Rechlin eine He 280. Flugkapitän Schenk ist mit einem besonderen Sicherheitssystem ausgestattet: einem Schleudersitz. Während des Testfluges dieses neuen Strahlflugzeugs muss sich Schenk aus seiner Maschine herausschießen. Der Sitz funktioniert, so dass der Pilot unbeschädigt auf der Erde landet. Die Maschine stürzt in den Wald. Seit 1939 arbeiten Ingenieure der Rostocker Heinkel Werke an einem Rettungsgerät für die Besatzung von Hochgeschwindigkeitsflugzeugen. Ausgangspunkt ist die Frage: Wie ist es möglich, dass Piloten mit Fallschirm schnellstmöglich aus einem Flugzeug springen können. Zunächst wird in Rostock eine Katapultabschussbahn aufgebaut und der Sitz getestet. Zu einem ersten Testabschuss findet sich im Jahr 1942 Pilot Jochen Eisermann bereit. Ein waghalsiger Schritt, weiß doch niemand, wie der menschliche Körper auf die ungewöhnliche Belastung reagiert.
Freiwillige Testpersonen?
Es ist davon auszugehen, dass sich nicht genügend freiwillige Testpersonen finden. Denn 1944 werden KZ-Häftlinge aus Sachsenhausen zu weiteren Versuchen nach Rostock gebracht. Einer von ihnen, Otto Seebeger, gibt Jahre später zu Protokoll: "Wir kamen ... nach Rostock. Dort hat man mit uns Versuche gemacht, die darin bestanden, dass wir auf einer Art Stuhl sitzend, der auf einer Leitschiene befestigt war, in die Höhe geschossen wurden." Auch in Rechlin werden Häftlinge für die Erprobung eingesetzt. Die Männer, größtenteils deutsche politische Gefangene aus Sachsenhausen, werden per Katapultsitz aus dem Flugzeug geschleudert. Todesopfer sind nicht zu verzeichnen! Das ändert sich, als ehrgeizige Luftfahrtmediziner nach den Belastungsgrenzen des menschlichen Körpers in großen Höhen fragen. Während ihrer Versuche in Unterdruckkammern eines Versuchslabors in Dachau sterben mindestens 70 Häftlinge des dortigen KZ.
Was wird aus Rechlin?
Am 2. Mai 1945 besetzt die Rote Armee den Ort und nutzt den dortigen Flugplatz Lärz noch bis zu ihrem Abzug aus Deutschland im Jahr 1994. Auf dem Gelände der Erprobungsstelle entsteht 1948 eine Bootswerft, die sich auf den Bau von Rettungsbooten spezialisiert.
Inhalt und Konzeption: Technisches Landesmuseum Mecklenburg-Vorpommern
Schwerin
Frühe Begeisterung fürs Fliegen
Ludwig Bölkow ist einer der erfolgreichsten Flugzeugbauunternehmer Deutschlands. Er wird am 30.06.1912 in Schwerin geboren. Sein Vater ist Werkmeister in den Schweriner Fokker-Flugzeugwerken. Als siebenjähriger Steppke sieht Bölkow zum ersten Mal ein Flugzeug aus der Nähe. Sein Vater nimmt ihn mit zum Flugplatz Schwerin-Görries. Dort beobachten beide den Erstflug des Fokker Verkehrsflugzeugs F II, das später bei der Lufthansa im Einsatz ist. Das Interesse an der Fliegerei ist geweckt. Als Schüler beginnt Bölkow mit dem Bau von Modellflugzeugen, später mit der Segelfliegerei. Er fliegt u. a. in Schwerin-Görries und am "Großvaterberg" in Krakow (bei Güstrow).
Praktikum in Rostock
Bis 1932 besucht Bölkow das Realgymnasium Schwerin. Einer guten Beziehung verdankt er seinen Einstieg in die Flugzeugindustrie. 1932 vermittelt ihm Reinhold Platz, ehemaliger Ingenieur bei Fokker und Freund seines Vaters, einen Praktikumsplatz in den Ernst Heinkel Flugzeugwerken Rostock. Das ist ein Glücksfall, denn hier erlebt er eine spannende Zeit im Flugzeugbau: den Übergang vom verspannten Doppeldecker zum freitragenden Tiefdecker und den Übergang von der Holz- zur Gemischt- und schließlich Ganzmetallbauweise. Er verfolgt die Rekordflüge der He 70, dem "Heinkel- Blitz", und lernt deren Konstrukteure, die Brüder Siegfried und Walter Günter, kennen.
Studium in Berlin
Ludwig Bölkow beginnt 1933 ein Studium in der Fachrichtung Maschinenbau/Flugzeugbau an der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg. 1938 schließt er sein Studium mit einer Diplomarbeit ab, deren Gegenstand ein viermotoriges Hochgeschwindigkeits- Postflugzeug mit einer Reichweite von 6000 km (Strecke Berlin – New York) ist.
Der erste Arbeitgeber: Messerschmitt
Der Berufsweg des innovativen Ingenieurs beginnt 1939 bei der Messerschmitt AG in Augsburg. Hier ist er zunächst Sachbearbeiter, später Hauptgruppenleiter der Hochgeschwindigkeits-Aerodynamik und dann Leiter von Projektgruppen für Jagdflugzeuge. U. a. arbeitet er an der aerodynamischen Gestaltung der Me 262, dem ersten in Serie gebauten Strahljäger der Welt. Weg zum Großkonzern "MBB" Nach dem Krieg gründet er in Stuttgart das "Ingenieurbüro Ludwig Bölkow". Das ist der Beginn einer Erfolgsgeschichte. 1956 entsteht die Bölkow-Entwicklung KG, die nach Ottobrunn bei München übersiedelt. Durch verschiedene Fusionen entsteht 1968 die "Messerschmitt Bölkow GmbH", ein Jahr später die "Messerschmitt-Bölkow-Blohm GmbH" (MBB) – ein Konzern mit zeitweise 40.000 Mitarbeitern. Bölkow und seine Mitarbeiter entwickeln u. a. Zivilflugzeuge, Flugkörper zur Panzerabwehr, Mehrzweckkampfflugzeuge und Hubschrauber, wie die Bo 105. 1977 scheidet Bölkow aus dem Unternehmen aus.
Bölkow-Stiftung für Umwelttechnologien
Ludwig Bölkow gründet 1983 eine Stiftung, die sich u. a. umweltfreundlichen Technologien zuwendet. Er erkennt: "Wollen wir unsere Verpflichtungen gegenüber nach uns kommenden Generationen erfüllen, müssen wir auf die Gefahren achten, die ... lebensbedrohend werden, und jetzt mit der Umstellung auf neue Techniken beginnen". Bölkow stirbt am 25.07.2003 in Grünwald. Seine Stiftung arbeitet noch heute.